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wiki:soziotechnisches_handlungssystem
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»Unterwegs-sein« als soziotechnisches Handlungssystem

Die »Allgemeine Systemtheorie« im Sinne von Niklas Luhmann lässt sich auf alle Sachgebiete anwenden; eine Systemtheorie der Technik hat Günter Ropohl ausgearbeitet 1). Sie basiert auf der Vorstellung eines »soziotechnischen Systems«, das also nicht nur auf die Technik schaut, sondern auf die Verwendung der Technik im menschlichen Handeln. Dieses ist immer zweckorientiert und dann erfolgreich, wenn es nützlich ist. Solche Handlungen stehen immer in einem soziotechnischen Zusammenhang, haben also soziale und ökonomische Folgen und Voraussetzungen.

»Technik umfasst die Menge der 
(a) nutzenorientierten, künstlichen, gegenständlichen Gebilde (Artefakte, Sachsysteme),
(b) menschlicher Handlungen und Einrichtungen, in denen Sachsysteme entstehen und 
(c) menschlicher Handlungen, in denen Sachsysteme verwendet werden.«
Handlungssysteme Subsysteme Funkionalisiert als
Makrosystem Unterwegs-Sein Reisebilder & Weltbild
Aufbruch & Heimkehr
Hinfahrt & Heimfahrt
Ankunft & Umkehr
Zielsysteme
Organisationssysteme
Sachsysteme
Mesosystem Navigation Fortbewegung
Raumvorstellungen
Positionsbestimmung
Orientierung
Routenplanung
Wegfindung
Monitoring
Zielsysteme
Organisationssysteme
Sachsysteme
Mikrosystem Alltag unterwegs Fortbewegung
Begegnung
Rückzug
Ruhezustand
Zielsysteme
Organisationssysteme
(Führer, Träger)
Sachsysteme
(Reisegepäck, Ausrüstung)

Handlungsablauf Unterwegs-sein

Das Unterwegs-sein als Gang, Fahrt oder Reise umfasst Phasen, die aufeinander folgen und zyklisch erscheinen, wenn nur die Ortsveränderung gesehen wird. Reisende verändern jedoch sich und diese Orte durch ihr Tun. Betrachtet man also deren Zustand, so wird aus dem Zyklus eine Spirale mit ständiger Bewegung: »Man steigt nie in denselben Fluss.« (panta rhei (griech.), Heraklit, 540 - 480 BC).

Reisebilder Absichten
1 Aufbruch
Bindungen lösen
2 Hinfahrt als
weg-von & hin-zu
3 Ankunft
⇑ Aufnahme Wendepunkt ⇓
Weltbild
Folgen
6 Heimkehr 5 Heimfahrt als
Dazwischen
4 Umkehr
Raumvorstellungen befriedeter Raum Zwischenraum Entscheidungsraum

Das Unterwegs-sein endet also weder am Ziel noch bei der Heimkehr - es hat den Charakter eines anhaltenden Prozesses, der in allen Beteiligten nachwirkt.
Diesem Prozess und seinen Phasen eignet eine gewisse Dauer, sonst wäre der Gang zum Briefkasten eine Fahrt. Da das natürliche Zeitgefühl des Menschen durch den Rhythmus von Tagen geprägt ist, müsste die kleinste vollständige Reise rund eine Woche dauern. (Ähnlich die Fremdenverkehrswirtschaft - sie setzt für Reisen eine Dauer von mindestens fünf Tagen zwischen Aufbruch und Heimkehr voraus.)

Die Begrifflichkeit (Fahrt, Kehre, Aufbruch) wurzelt in der Tätigkeit des Ackerbauern. Das Aufbrechen der Brache setzt sich mit der Fahrt zwischen den Ackergewänden fort. Die Tätigkeit des Pflügens auf dem Acker besteht aus einer gleichbleibenden Folge sich wiederholender Tätigkeiten: in der Furche gehen bis zum Rain (Gewände) und wenden mit Kehr und Gegenkehr. Diese Tätigkeit war überlebenswichtig für die Gemeinschaft.
Die »Große Fahrt« spiegelt die Phasen der kleinen Fahrt: die Furche wird zum Weg, der Gang zum Wandern, die Wendepunkte zu Umkehr und Heimkehr. Während die kleine Fahrt im vertrauten Raum stattfindet, verlangt die Große Fahrt nach einem Übergang hinaus in den Zwischenraum.
Während der Landmann mit seiner kleinen Fahrt die Voraussetzung für die Ernte schafft, ist der Nutzen des Fahrenden für die Gemeinschaft jedoch nicht offensichtlich und zudem unsicher. Eine solche Art der Fortbewegung erfordert zwei Möglichkeitsräume:

  • für den Einzelnen einen Möglichkeitssinn, der stärker ist als das Zugehörigkeitsgefühl;
  • gemeinschaftlich die Übereinkunft, den Einzelnen von der Verantwortung seiner Bindungen zu befreien, ihm also `Urlaub´ zu gewähren.

Subsystem (Beispiel): Das Bild der Reise

Erst nach der Heimkehr zeigt sich die Wertschätzung der Gemeinschaft für den Fahrenden durch seine soziale Integration. Seine Autonomie, die er unterwegs bewiesen hatte, muss er nun bereit sein aufzugeben 2). Sein Reisebild wird sozialisiert und dabei verformt:

Reisende Herkunftsgesellschaft
Wunschbilder

Die erlebte Reise

Die erinnerte Reise
Tagebuch
Ausstellungen

Kategorien
(Abenteuer-, Bildungsreise etc.)

Die akademische Reise, Tagungen
Die erzählte Reise:
Vortrag, Reisebericht
Die Reise des Publikums
mediale Berichterstattung

(Erwartungen & Klischees,
Figuren und Stereotypen)

Handlungsablauf Navigation

Die Navigation erscheint als Grundgerüst ungeachtet der dabei verwendeten Sachsysteme und Organisationssysteme:

Zielsetzung
Fortbewegung Raumvorstellungen
Positionsbestimmung Orientierung
Routenplanung Korrektur
Wegfindung Monitoring
Ziel

Handlungsablauf Alltag

Vorbereitung
Transport Fortbewegung Ruhezustand Erholung
Austausch Begegnung Rückzug Sicherheit

Struktur der Subsysteme

Ziel Organisationssystem Sachsysteme Figuren
Vorbereitung Informationen
Ausrüstung
Geld
Kartographie
Reiseliteratur
Reisegepäck Kundige
Fortbewegung Transport Verkehrssysteme
Wegenetze
Fuhrwerke Träger & Führer
Begegnung Austausch Kommunikation & Sprachen
Handel & Geschenke
Zeichen & Schrift,
Geld & Digitaltechnik
Gast & Fremder,
Dolmetscher
Legitimation Grenzen, Ämter Dokumente Beamte & Polizei
Rückzug Sicherheit Lager, Herberge Zelt & Zimmer Wächter
Ruhezustand Erholung Hygiene, Schlafen & Ruhen
Wärme, Essen & Trinken
Reinigen & Reparieren
Nahrung & Lagerfeuer
Wasser & Toiletten
Dienstleister

Zielsystem: Die Frage nach Sinn und Zweck

Zielsetzung, also Wahl eines Zielortes oder einer Richtung mit unbekanntem Ziel in der Welt oder eine Aufgabe bis hin zum Ende der Welt, siehe auch die Liste von Orten im Rahmen der jeweils vorhandenen Raumvorstellungen im Spektrum zwischen Leere und dem Neuem, angetrieben vom Unterwegs-sein.

Das soziotechnische Handlungssystem des »Unterwegs-sein« wird erklärbar durch das Zielsystem, in das es eingebettet ist, also durch die Interessen aller daran Beteiligten, durch den legitimen Aufbruch der Fahrenden, deren Handlungsfreiheiten und deren Wertschätzung durch die (immobile) Gemeinschaft. Diese Interessen sind geprägt durch das Weltbild der Gemeinschaft und durch das Reisebild der Fahrenden. Vorstellungen und Notwendigkeiten ergeben Muster meist legitimierter Fahrten wie beispielsweise:

Primärziel Sachsystem Figur Organisationssystem
Sinnsuche Pilgerstab
Krummstab
Pilger
Wandermönche
peregrinatio
Mission
altes Wissen
tradieren
Rednerstab Wanderpoeten,
Rhapsoden
Kult
neues Wissen
erkunden
Meßstab, -seil
Hodometer
Wegzeichen & Aufzeichnung
Kundschafter
Bematisten,
(Agri)mensores
Kartographie
Vermessung
Nachrichten
austauschen
Botenstab Boten
Gesandte
Botschaft
Sendung
Waren herstellen Rohstoffe
Werkzeug
Wanderschmiede
Wandergesellen
Handwerk,
Walz
Waren rauben Beute (Plunder)
Waffen
Reisige Krieg
Waren austauschen Waren
Transport- & Tragetechnik
Fahrende Händler Handel, Märkte,
Verkehr

Bei allen Unterschieden der Interessen macht der Weg alle Figuren zu Weggenossen und Kundigen, die gleichermaßen vorhandene Sachsysteme und Organisationssysteme für Fortbewegung und Transport verwenden.
Unterschiede lassen sich äußerlich erkennen an der Art der Kleidung sowie in in der besonderen Legitimation des Unterwegs-seins der Stabträger. So diente die Kopfbedeckung als Distinktionsmerkmal (engl. dresscode, lat. narratio per vestimentum): breitkrempiger Pilgerhut (petasos), krempenlose Filzkappe (pilos), kapuzenartige Gugel mit Nacken- und Schulterteil, spitzer Kapuzenmantel (cucullatus), gehörnter Judenhut (pileum cornutum) 3) und andere 4).

Organisationssysteme: Die Frage nach dem Wie

Exemplarisch deutet das folgende Raster ansatzweise an, wie Organisationssysteme analysiert werden können.

Institution Stoff Energie Information
Mikrosysteme
Führer Stab, Licht spuren Wegfindung
Träger Reisegepäck Nahrung Lastenorganisation
Tierführer Lasten Futter Tierhaltung
Fuhrmann Fuhrwerk Zugtiere dito
Fahrer Wagen Treibstoff Steuerung
Know-How
Fährmann Fähre, Boot übersetzen Anlegestellen,
Strömung, Untiefen
Dolmetscher Wörterbuch übersetzen Sprachen
Weidmann
Waldläufer
Waffen, Fallen Nahrung Jagd
Mesosysteme
Herbergen
Rastplätze
Werkstatt
Makrosysteme
Wege- & Straßennetz Weg, Straße Räumen, Herstellen Verkehrsregeln
Verkehr Verkehrstechnik Treibstoffversorgung Know-How
Versicherungen
(ADAC, Geleitwesen)
Schutzbrief Normen
Handel Warenstrom Transport Markt
Orientierung Steinmann
Wegweiser
Verirren Kartographie

Sachsysteme: Die Frage nach dem Mittel

Stoff, Energie, Information

Sachsysteme sind nicht einfach vorhanden, sondern müssen geschaffen werden, werden also im Entstehungszusammenhang zum Ziel des Handelns.
Im Verwendungszusammenhang sind sie dagegen ein Mittel des Handelns.
Ein Ding ist das kleinstmögliche Element im Sachsystem. Ein Sachsystem funktioniert, wenn die Dinge gut laufen, wenn also die Eigenschaften des Sachsystems den Anforderungen entsprechen. Die Vielfalt der Reiseformen erschließt sich auch über die verfügbaren Sachsysteme, die formaltechnisch immer aus drei Perspektiven betrachtet werden können:

  1. Stoff: Reisegepäck
    1. Kleidung zum Schutz vor
      1. Sonne (Tuch, Mütze),
      2. Kälte (Umhang),
      3. Verletzung (Riemensandalen, Stiefel)
  2. Energie
    1. Wärme (Kleidung, Feuer)
    2. Lasten bewegen
  3. Information
    1. Zeichen
    2. Können (Know-How)
      1. Verständigung: Sprache
Bedürfnis Basis-Sachsystem Basis-Transportbehälter Stand der Technik
Transporthilfen Tragestange
Gürtel
Dose, Netz, Korb
Beutel, Sack
Rucksack
Flüssigkeit Wasser Lederbeutel
Kalebasse
Wasserflasche
Nahrung Wegzehrung Proviantbeutel Trekkingnahrung
Schlaf Feuer Glutdose Feuerzeug
Wärme Kleidung Kapuzenmantel Fleece & Gore-Tex
Werkzeuge Stab Gehänge Leatherman
Positionsbestimmung Indischer Kreis
(Stab & Seil)
Kompass, GPS

Beispiel Transport

Sachsysteme unterliegen den Zeitläuften, den regionalen Bedingungen, den individuellen Möglichkeiten wie beispielsweise an den folgenden Teilsystemen im Bereich Transport erkennbar wird:

  1. Transporthilfen, also Behälter wie Flasche, Netz, Korb, Balge, Beutel, Sack, Kiste
  2. Transportmittel, also etwa Schleife, Schlitten, Karre, Wagen
  3. Tragetechniken am Körper wie Gürtelgehänge, Stirnriemen, Tragstange, Mantelsack, Rucksack
  4. Stabwerkzeuge, also etwa: Grabstock, Tragstange, Schlangenstab, Spieß, Speer, Wurfholz
  5. Domestikation von Nutztieren als Lasttier, Reittier, Zugtier
1)
Günther Ropohl
Allgemeine Technologie
Eine Systemtheorie der Technik.
3.A. Karlsruhe 2009, online
2)
Luhmann, Niklas
Die Wissenschaft der Gesellschaft.
Frankfurt am Main, 1990, S. 289 über Autonomie und Umwelt »Autopoiesis«.
3)
Naomi Lubrich
The Wandering Hat: Iterations of the Medieval Jewish Hat.
Jewish History 29 (2015) 203–244
4)
Kneisel, Jutta
Gesichtsurnen und ihre Kopfbedeckung. Neue Erkenntnisse zum Phänomen der Gesichtsurnen im nordeuropäischen Kontext.
Peregrinationes archaeologicae in Asia et Europa. Joanni Chochorowski dedicatae.
Kraków : Instytut Archeologii Uniwersytetu Jagiellońskiego 2012, S. 19-36.
Abb. 7 (Hutformen) und Abb. 9: Die Korrespondenzanalyse korreliert die Typen der Kopfbedeckungen aus der Situlenkunst mit den dargestellten Tätigkeiten ihrer Träger: Jäger, Krieger, Mitfahrer, Musiker, Pflüger, Reiter, Tierführer, -treiber und andere.
wiki/soziotechnisches_handlungssystem.txt · Zuletzt geändert: 2022/09/12 05:09 von norbert

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