Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


Writing /home/strato/http/premium/rid/88/70/518870/htdocs/reisegeschichte/dokuwiki/data/cache/3/30c1b74b5bafc405066f5d87e2c3cf1a.i failed
Unable to save cache file. Hint: disk full; file permissions; safe_mode setting.
Writing /home/strato/http/premium/rid/88/70/518870/htdocs/reisegeschichte/dokuwiki/data/cache/3/30c1b74b5bafc405066f5d87e2c3cf1a.metadata failed
wiki:grenze
Writing /home/strato/http/premium/rid/88/70/518870/htdocs/reisegeschichte/dokuwiki/data/cache/3/30c1b74b5bafc405066f5d87e2c3cf1a.i failed
Unable to save cache file. Hint: disk full; file permissions; safe_mode setting.
Writing /home/strato/http/premium/rid/88/70/518870/htdocs/reisegeschichte/dokuwiki/data/cache/3/30c1b74b5bafc405066f5d87e2c3cf1a.xhtml failed

Grenze

»Grenze« wird heute allgemein und zunächst verstanden als Grenze zwischen Herrschaftsbereichen, die sich auf der Karte als eine feste Linie darstellt und in der Wirklichkeit meist ebenso scharf als Zaun, als Paßhöhe, als Fluss hüben und drüben deutlich trennt. Das ist nicht immer so und bildet auch historisch eine Ausnahme 1).

  • Der Okeanos war das Meer, das nach dem antiken Weltverständnis die bewohnte Welt ringsum begrenzte. Zwischen den Säulen des Herakles (dem Felsen von Gibaltar und dem Jebel Musa in Ceuta) führte die Straße von Gibraltar hinaus auf den Ozean.
  • Die Grenze des Festlandes war also der Strand (wenn Schiffe landen konnten) oder die Küste; beide trennten den überschaubaren Küstensaum vom Hinterland.
  • Die Mark: In den Waldgebieten Europas wurden Herrschaftsbereiche lange Zeit durch bewaldete Wildnis voneinander getrennt, in der klare Linien fehlten. Diese »Marken« wirkten als Grenzbereiche.
  • The Frontier: Insbesondere im nördlichen Amerika schob der Treck nach Westen im Laufe der jahrhundertelangen Kolonisation die »Grenze« vor sich hin - sie konnte jedes Jahr woanders liegen. »Grenze« war Kampfgebiet, also Front.
  • Granitza: In den osteuropäischen Steppengebieten dagegen ließen sich Grenzen (altslawisch: granica граница) meist deutlich festlegen, kennzeichnen und überblicken.
  • Übergänge: Der natürliche Zwischenraum zwischen zwei Zonen oder Landschaften erscheint als etwas Besonderes, als Pass, als Furt, Höhleneingang, Klamm, Lichtung, Oase und wurde oft gekennzeichnet, etwa mit Steinmännchen.
  • Das ungarische vég bedeutet beides: `Grenze ´ und `Ende´, auch den Tod 2).

Kontrolle & Erlaubnis

Verbittert glossierte 3) Kurt Tucholsky 1920 die rechtlichen Verhältnisse an den europäischen Grenzen, wo ein Schritt aus dem Bürger einen Fremden und ein weiterer Schritt den Fremden zum Vogelfreien machen. Für Reisende stehen Staatsgrenzen im Vordergrund, denn für das Übertreten sind Regeln (z. B. Zoll) zu beachten, es werden Dokumente benötigt (z.B. Reisepass, Fahrzeugpapiere), es ändern sich Vorschriften und Gesetze. Hier übt der staatliche Souverän seine Macht aus, zeigt militärische Stärke, politisches Selbstbewußtsein, wirtschaftliche Zwänge (»Grenzregime«). Das Kontrollbedürfnis an der Schranke ist dem Staat zumindest in der Neuzeit zu eigen »So wie man an der Grenze Personen, Bücher, Gedanken beobachten muss, so auch Waren; denn sind sie einmal im Staatsgebiet verteilt, so kann man sie nicht mehr mit Sicherheit kontrollieren.« 4).

Grenzübergangsstellen können bewacht sein oder auch nicht, dort wird kontrolliert oder auch nicht. Der Grenzverlauf zwischen zwei Grenzübergangsstellen wird umgangssprachlich als Grüne Grenze bezeichnet, ein Verlauf über größere Gewässer auch als Blaue Grenze. Der »Schengener Grenzkodex« (EU-Verordnung 2016/399) regelt ausdrücklich, dass die Binnengrenzen im Schengenraum an jeder Stelle passiert werden dürfen, ohne besondere Genehmigungen oder Kontrollen. Das unterschiedliche Verständnis von Grenzen bestimmt das Denken und Verhalten der Menschen unbewusst bis heute 5):

  • Wilfried von Bredow
    Grenzen
    Eine Geschichte des Zusammenlebens vom Limes bis Schengen
    Konrad Theiss Verlag, 192 Seiten
  • Dieter Kreutzkamp, Rupert Heigl
    Mitten durch Deutschland.
    Auf dem ehemaligen Grenzweg von der Ostsee bis zum Böhmerwald.
    2. Auflage, München: Frederking & Thaler 1999. 192 S., 39 farb. und 77 SW-Abb.
    Grenzgänge sind etwas ganz Besonderes. Ihnen haftet die Gefahr an und die dabei verspürte Unsicherheit ähnelt jener, die man spürt bei den Großen Reisen ins Unbekannte. 1.400 Kilometer folgte Dieter Kreutzkamp der ehemaligen Grenze BRD/DDR, dem betonierten Plattenweg, quer durch Deutschland und nennt ihn »die einsamste Straße Deutschlands« – nur eine Ortsdurchfahrt, kein Gegenverkehr, keine Verkehrsschilder und gleichzeitig die stillsten und schönsten Naturregionen Deutschlands.
    Die Wanderabschnitte bestimmen die Gliederung. Die Etappen werden in der Art eines Reiseberichts beschrieben. Die zu befürchtende Tristesse einer tagebuchähnlichen Struktur wird vermieden, denn Hintergründe, Begegnungen und kleine Anekdoten machen die Lektüre interessant. Jedem Kapitel folgt ein Infokasten mit Adressen und Hinweisen zu Abstechern, Campingplätzen, Karten, Literatur. Hin und wieder deuten Skizzen den Wegverlauf an, eine Karte kann das aber nicht ersetzen. Und gerade hier liegt der Nachteil des Buches: Zu groß, zu schwer und dennoch nicht ausreichend für eine Wanderung.

Grenzgeometrie und Nachbarn

  • Inselstaaten und Australien haben keine angrenzenden Nachbarn, nur die Küste als Grenze zum Wasser.
  • 17 Staaten haben nur eine Grenze zu einem Nachbarland: Wikipedia; davon sind drei von dem anderen Staat umgeben: Lesotho, San Marino, Vatikanstadt.
  • Zweiländerecken gibt es nicht, näherungsweise lassen sich Exklaven mit Punktkontakt zum Hauptstaatsgebiet als solche auffassen.
  • 159 internationale Dreiländerecken gibt es weltweit: Wikipedia.
  • Ob es Vierländerecken geben kann, ist umstritten; ein solches liegt im Fluss Sambesi und wird durch die Grenzen der Länder Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe gebildet. Das hat aber zur Folge, dass eine Brücke von Sambia nach Botswana dann auch namibianisches Staatsgebiet berühren müsste.

Das Innen und Außen

Die Natur kennt keine Grenze, denn natürliche Räume gehen immer ineinander über, so hat der Waldrand andere Eigenschaften als der benachbarte Wald oder das offene Feld. Das Trennende in der Natur ist immer auch durchlässig, wie etwa die Membran einer Zelle die Osmose ermöglicht. Das Trennende ist daher immer ein Bereich, der auch verbindet. Die Fortbewegung in der Natur stößt zwar auf Widerstand, wenn ein Fluss oder ein Gebirge trennend wirken, jedoch ermöglichen eine Furt oder ein Pass immer auch einen Übergang. Bereiche, die sowohl Widerstand als auch Übergang beinhalten, werden als Schwelle wahrgenommen. Der Mensch hat natürliche Schwellen benutzt und aus dem trennenden Bereich (z. B. Mark) eine Grenze (engl. boundary line) gemacht. Die Schwelle des Hauses heißt lateinisch limen `das Querholz´, die gerodete Bahn zwischen befriedeter Fläche und der Wildnis heißt lateinisch limes `der Quergang´, doch beruhen beide Begriffe auf derselben Idee, das Eigene vom Anderen zu trennen, also den Feind (hostis) draußen zu halten und den Gast (hospiz) einzulassen.

Das Auflösen einer Grenze führt aus heutiger Sicht zu einem Naturzustand, der die Ordnung auflöst und Wildnis zulässt; Grenzgänger werden misstrauisch beobachtet, weil sie auch die Grenze zwischen Leben und Tod beschreiten. Der Begriff »Grenze« wurde erst ab dem 12. Jahrhundert ins Deutsche übernommen; er stammt aus den slawischen Sprachen und bezeichnet dort eine Grenzlinie wie sie in den ostmitteleuropäischen Steppengebieten üblich war.

In Westeuropa dagegen bildeten die Wälder zwischen den Rodungsdörfern einen Grenzbereich ohne deutliche Linie; Grenzen wurden bis dahin als »Marken« bezeichnet und als Flächen gedacht, die oft gemeinsam genutzt wurden. Natürlich entstanden daraus Konflikte. Wenn es aber weder physisch noch als Denkfigur die Grenze gab, so konnten Lösungen nur durch Konsens im Miteinander gefunden werden - man war gezwungen, etwas Gemeinsames zu finden. Der Denkfigur der Grenze kam die Hecke am nächsten, diese war jedoch durchlässig und verband das Innen und Außen. Die Spezialistin für die Kommunikation zwischen Innen und Außen war die Heckenreiterin, die Hagazussa, kurz: die Hexe. In vielen Kulturen finden sich Grenzgottheiten (liminal deities), die als Reisegötter oft heute noch die Reisenden beschützen.

  • Oliver Eberl
    Naturzustand und Barbarei.
    Begründung und Kritik staatlicher Ordnung im Zeichen des Kolonialismus.
    Hamburger Edition, Hamburg 2021. 552 S.
  • Christoph Motsch
    Grenzgesellschaft und frühmoderner Staat
    Die Starostei Draheim zwischen Hinterpommern, der Neumark und Grosspolen (1575-1805).
    Potsdam, Univ., Diss., 1996. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2001

Verweise

Literatur

  • Bärmann, F.
    Haus, Stadt, Grenze
    Nachdenklicher Sachunterricht in der Grundschule.
    Wuppertaler geographische Studien, Heft 6
    Bergische Universität Gesamthochschule Wuppertal 1992
  • Bauer, Markus, Rahn, Thomas (Hg.)
    Die Grenze: Begriff und Inszenierung
    In: Akademieverlag Berlin 1997
  • Betteridge, Thomas
    Borders and travellers in Early Modern Europe.
    Abingdon, Oxon 2007; New York: Routledge, 2016
    • Tom Betteridge
      Introduction borders, travel and writing
    • Margaret Healy
      Highways, hospitals and boundary hazards
    • Duncan Salkeld
      Alien desires: travellers and sexuality in early modern London
    • Claire Jowitt
      Rogue traders: national identity, empire and piracy 1580-1640
    • Mike Pincombe
      Life and death on the Habsburg-Ottoman frontier: Balint Balassi's 'In Laudem Confiniorum' and other soldier-songs
    • Maria R. Boes
      Unwanted travellers: the tightening of city borders in early modern Germany
    • Andrew Pettegree
      Translation and the migration of texts
    • David J. Baker
      'Idiote': politics and friendship in Thomas Coryate
    • Melanie Ord
      Returning from Venice to England: Sir Henry Wotton as diplomat, pedagogue and Italian cultural connoisseur
    • Neil L. Whitehead
      Sacred cannibals and golden kings: travelling the borders of the New World with Hans Staden and Walter Raleigh
    • Andrew Hadfield
      Afterword : did cannibals have a renaissance?
  • Böckler, S.
    Grenze: Allerweltswort oder Grundbegriff der Moderne?
    In: Archiv für Begriffsgeschichte 2003, 45: 167 - 220
  • Bosselmann-Cyran, Kristian, Ulrich Knefelkamp
    Grenze und Grenzüberschreitung im Mittelalter
    11. Symposium des Mediävistenverbandes vom 14. bis 17. März 2005 in Frankfurt an der Oder, Berlin: Akademie Verlag 2007
  • Haubrichs, W./Schneider, R. (Hg.)
    Grenzen und Grenzregionen
    Saarbrücken: Saarbrücker Druckerei und Verlag 1993
  • Haushofer, K.
    Grenzen in ihrer geographischen und politischen Bedeutung
    Berlin-Grunewald: Kurt Vowinckel Verlag 1927
  • Helmolt, H. F.
    Die Entwickelung der Grenzlinie aus dem Grenzsaume im alten Deutschland
    In: Historisches Jahrbuch 1896 XVII 235 - 264
  • Karp, H.-J.
    Grenzen in Ostmitteleuropa während des Mittelalters
    Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Grenzlinie aus dem Grenzsaum.
    Köln: Böhlau 1972
  • Kolb, H.
    Zur Frühgeschichte des Wortes ‘Grenze’
    In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 1989, 226, 344 - 356
  • Magris, Claudio
    Wer steht auf der anderen Seite? Grenzbetrachtungen.
    Salzburg, Wien 1993
  • Medick, H.
    Zur politischen Sozialgeschichte der Grenzen in der Neuzeit Europas
    In: Sowi. Sozialwissenschaftliche Informationen1991, 3: 157 - 163
  • Pfister, M.
    Grenzbezeichnungen im Italoromanischen und Galloromanischen
    In: Haubrichs/Schneider (Hg.) 1993, 37 - 50
  • Scattola, M.
    Die Grenze der Neuzeit
    Ihr Begriff in der juristischen und politischen Literatur der Antike und Frühmoderne.
    In: Bauer/Rahn (Hg.) 1997: 37 - 69
  • Schmale, W.
    „Grenze“ in der deutschen und französischen Frühneuzeit
    In: Ders./Stauber (Hg.) 1998, 50 - 75
  • Schmale, W.; Stauber, R. (Hg.)
    Menschen und Grenzen in der Frühen Neuzeit. Berl
    In: Berlin Verlag A. Spitz 1998
  • Schneider, R.
    Lineare Grenzen vom frühen bis zum späten Mittelalter .
    In: Haubrichs/Schneider (Hg.) 1993, 51 - 68
  • Sieber-Lehmann, C.
    „Regna colore rubeo circumscripta.“
    Überlegungen zur Geschichte weltlicher Herrschaftsgrenzen im Mittelalter.
    In: Marchal 1996, 79 - 91
  • Wokart, Norbert
    Differenzierungen im Begriff, Grenze’. Zur Vielfalt eines scheinbar einfachen Begriffs.
    In: Literatur der Grenze, Theorie der Grenze. Hg. von Richard Faber u. Barbara Naumann. Würzburg 1995

1)
Christoph Kleinschmidt
Semantik der Grenze.
BpB: APuZ 13.01.2014 Online
2)
Mike Pincombe
Life and death on the Habsburg-Ottoman frontier.
Balint Balassi's 'In Laudem Confiniorum' and other soldier-songs
in: Betteridge, Thomas. 2016. Borders and travellers in Early Modern Europe. Abingdon, Oxon; New York: Routledge, 2016
3)
Kurt Tucholsky: Die Grenze. [Pseud. Peter Panter] in: Berliner Volkszeitung, 27.06.1920
4)
M. J. Fraenzi
Über Zölle, Handelsfreiheit und Handelsvereine
Wien 1834, S. 78, zit nach E. Saurer: Straße, Schmuggel, Lottospiel. Göttingen 1989
5)
Norbert Seitz Grenzen. Die Geschichte des Zusammenlebens
wiki/grenze.txt · Zuletzt geändert: 2022/09/12 04:53 von norbert

Donate Powered by PHP Valid HTML5 Valid CSS Driven by DokuWiki